Lesung “Don Quijote”

Duo

Clemens von Ramin (Sprecher) und Rüdiger Zietz (Gitarrist) spielen und lesen Don Quijote.

die Wiege der europäischen Romane, auf den sich alle späteren Autoren, bis hin zur Gegenwart beziehen.

Don Quijote befindet sich in einer existentiellen Krise, in einer verspäteten Midlife crises: mit fünfzig wird er sich der unbefriedigenden Langeweile seines Lebens bewußt, die er auch nicht mehr durch Jagdvergnügen und ausgedehnte Lektüren zu kompensieren vermag, und beschließt, nunmehr aktiv zu handeln. Er diagnostiziert, daß die Zeit, in der er lebt, die der Dekadenz ist, des Verfalls der Sitten und der Tugenden, und begreift sich selbst als Heilsbringer, der das in Unordnung geratene wieder richtet. Indem er sich ein Beispiel an den tapferen Rittern seiner Lieblingsromane nimmt, füllt er die Leere seines Daseins mit einem Überangebot an Sinn. Dadurch macht er sich zum Narren; verbissen hält er als notorischer Falschleser der Welt an seinen Grillen fest und scheitert in fast allen seinen Unternehmungen.
Anders als die tragischen Helden scheitert er aber komisch. Für sein offensichtlich unvernünftiges Tun erntet er Gelächter; doch das Lachen schlägt um. Wer eben noch über den Narren gelacht hat, macht sich unversehens seinerseits zum Narren, das überlegene Verlachen kippt in ein solidarisches Mitlachen angesichts einer unverfügbaren Welt.
Don erfüllt damit in überraschender Weise seine Sendung. Satt anläßlich tragisch untergehender Helden Furcht und Schrecken zu verbreiten oder zu lehren, wie die Welt zu bessern wäre, lebt der “verspätete” Aussteiger vor, wie jeder seines Glückes Schmied ist und dem Zwang zum reibungslosen Funktionieren entkommen kann. Sein vitales, närrisch-kluges Treiben schafft Entlastung vom Ernst der Lebenswelt und unterläuft deren Verpflichtung auf Sinnhaftigkeit durch die permanente Lust am Unsinn.

Kommentieren