Sommergedichte

Einen Sommer lang (Detlev von Liliencron)

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang,
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Wenn wir uns von ferne sehen
Zögert sie den Schritt,
Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,
Nimmt ein Blättchen mit.

Hat mit Ähren sich das Mieder
Unschuldig geschmückt,
Sich den Hut verlegen nieder
In die Stirn gerückt.

Finster kommt sie langsam näher,
Färbt sich rot wie Mohn,
Doch ich bin ein feiner Späher,
Kenn die Schelmin schon.

Noch ein Blick in Weg und Weite,
Ruhig liegt die Welt,
Und es hat an ihre Seite
Mich der Sturm gesellt.

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang,
süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Sommerbild (Friedrich Hebbel)

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
sie war, als ob sie bluten könne, rot:
da sprach ich schweigend im Vorübergehn:
so weit im Leben ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
nur leise strich ein weißer Schmetterling;
doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
bewegte, sie empfand es und verging.

Sommerabend (Peter Huchel)

Wenn sein reiten zur Schwemme
Aus dem steinernen Tor
Abends über die Dämme,
brennt noch die Sonne im Rohr.

Frei von des Tages Bürde
Reiten sie Seit an Seit.
Horch, wie der Hengst in der Hürde
Zornig nach Liebe schreit.

Uferwärts Roßeschnauben,
Zuruf, Lachen und Trab.
Vögel mit seltsamen Hauben
Tauchen erschrocken hinab.

In die schäumenden Fluten
Hinter der sandigen Furt
Drängen Fohlen und Stuten
Ohne Sattel und Gurt.

Reiter mit jungen Stimmen
Werden den Tieren nicht schwer,
packen die Mähnen und schwimmen
neben den Pferden her.

Knaben schön ist das Leben,
wenn es noch stark ist und gut.
Seht, wie die Lerchen schweben
Spät in der Abendglut.

Unter erlöschendem Himmel
Zittert des Hengstes Schrei.
Reiter, Rappen und Schimmel,
bald ist der Sommer vorbei.

Der Rosenbusch (Hermann Claudius)

Es haben meine wilden Rosen
-erschauernd vor dem Haus der Nacht-
die windeleichten, lichten, losen
Blüten behutsam zugemacht.

Doch sind sie so voll Licht gesogen,
daß es wie Schleier sie umweht,
und daß die Nacht im scheuen Bogen
am Rosenbusch vorübergeht.

Sommermittag (Theodor Storm)

Nun ist es still um Hof und Scheuer,
Und in der Mühle ruht der Stein;
Der Birnenbaum mit blanken Blättern
Steht regungslos im Sonnenschein.

Die Bienen summen so verschlafen;
Und in der offenen Bodenluk,
Benebelt von dem Duft des Heues,
Im grauen Röcklein nickt der Puk.

Der Müller schnarcht und das Gesinde,
Und nur die Tochter wacht im Haus;
Die lachet still, und zieht sich heimlich
Fürsichtig die Pantoffeln aus.

Sie geht und weckt den Müllersburschen
Der kaum den schweren Augen traut:
„Nun küsse mich, verliebter Junge;
Doch sauber, sauber! Nicht zu laut.“

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